ÖGGF Österreichische Gesellschaft für Geschlechterforschung

#frauenlandretten

ÖGGF Österreichische Gesellschaft für Geschlechterforschung

February 8, 2018 News 0

AnLandesrätin Mag.a Christine Haberländer
und
Landeshauptmann Mag. Thomas Stelzer

Wien, 05.02.2018

Offener Brief: Stellungnahme zur Ablehnung der Förderansuchen für die Frauen*beratungsstellen maiz, FIFTITU% und Arge SIE durch das Frauenreferat des Landes Oberösterreich

„Ich bin nicht frei, solange noch eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Fesseln trägt als ich.“ Audre Lorde, Vom Nutzen unseres Ärgers

Sehr geehrte Frau Landesrätin Mag.a Haberlander,
Sehr geehrter Herr Landeshauptmann Mag. Stelzer,

die Österreichische Gesellschaft für Geschlechterforschung (ÖGGF) bringt ihre Bestürzung und vor allem ihre große Sorge angesichts der Entscheidung des Frauenreferats des Landes Oberösterreich zum Ausdruck, die Förderung der Frauenberatungsstellen maiz, FIFTITU% und Arge SIE vollständig zu streichen.

Mit den Beratungen, Weiterbildungen und der Stärkung von marginalisierten und insofern besonders verletzlichen Frauen leisten maiz, FIFTITU% und Arge SIE einen unverzichtbaren gesellschaftlichen Beitrag. Dass ein niedrigschwelliges, wertschätzendes und auf die konkreten Bedürfnisse der betroffenen Frauen ausgerichtetes Angebot nicht länger den Förderkriterien des Frauenreferats entsprechen soll und dass das Land Oberösterreich die einzigartigen Leistungen dieser Frauenberatungsstellen offensichtlich für verzichtbar hält, ist uns gänzlich unverständlich.

Wie kann die Arbeit für und mit wohnungssuchende Frauen, die Förderung von Künstler_innen, die Beratung und Bildung von Sexarbeiter_innen und Migrant_innen nicht mehr zu den frauenpolitischen Anliegen zählen? Sind diese Frauen etwa nicht mehr förderungswürdig? Arbeiten das Frauenreferat und das Land Oberösterreich ab sofort nur noch für die sogenannte „Mehrheitsbevölkerung“ und die Mittel- und Oberschicht? Wollen Sie gerade jene, die ohnehin benachteiligt und ausgeschlossen sind, ohne Unterstützung zurücklassen?

Das fachspezifische Know-how sowie die langjährigen Erfahrungen von maiz, FIFTITU% und Arge SIE sind einzigartig und lassen sich durch andere Beratungsstellen nicht ersetzen. Durch Ihre Kürzungen verlieren Frauen in der Region daher wichtige Anlaufstellen und langjährig aufgebautes Wissen. Darüber hinaus gehen eine sorgfältig aufgebaute Vertrauensbasis zu den Frauen sowie eine umfassende Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Organisationen verloren. Und schließlich verlieren qualifizierte Mitarbeiter_innen ihren Arbeitsplatz. Nicht zuletzt an den zahlreichen Preisen und Auszeichnungen (auch von Seiten der oberösterreichischen Landesregierung) zeigen sich der Wert und die bedeutende Leistung dieser Beratungsstellen für OÖ und weit darüber hinaus. Ihre Kürzungen würden einen langfristigen Verlust für Oberösterreich bedeuten, mit weitreichenden Konsequenzen – für die betroffenen Frauen, die betroffenen Initiativen und nicht zuletzt das Land Oberösterreich.

Über die konkrete Beratungs- und Bildungsarbeit mit betroffen Frauen hinaus ist gerade die Forschungsarbeit von maiz zu Bildungskonzepten von unschätzbarem Wert. Nicht nur wird die Bildungsforschung um die Perspektiven von Frauen und/oder Migrant_innen bereichert, die Forschung von maiz bringt außereuropäische, postkoloniale Bildungskonzepte ein, die in der internationalen Wissenschaftslandschaft zentral sind. Darüber hinaus ist maiz für nationale und internationale Universitäten und Forschungsinstituten eine wichtige Partnerorganisation für Forschungsprojekte – nicht zuletzt weil das bei maiz gesammelte Wissen einzigartig ist für die Analyse der Arbeits- und Lebensbedingungen von Migrant_innen in Österreich.

Einzigartig und von zentraler Bedeutung für die Forschung in Österreich ist darüber hinaus maiz‘ „Universität der Ignorant_innen“, die Wissensbestände und -traditionen kritisch auf ihre Auslassungen, ihr Nicht-Wissen und ihre Ausschlüsse befragt. Die Geschlechterforschung in Österreich profitiert vielfältig von den Forschungen zu post- und dekolonialen Perspektiven sowie dem rassismuskritischen Engagement von maiz. Das wissenschaftliche Wissen, das hier außeruniversitär generiert wird, gibt es so an keinem anderen Ort in Österreich und ist für den Wissenstransfer unabdingbar.

Man kann nicht im Namen der Frauenemanzipation politische Reden halten und in den Taten dieser Emanzipation Steine in den Weg legen! Die Österreichische Gesellschaft für Geschlechterforschung fordert die Landesregierung Oberösterreichs sowie das Frauenreferat Oberösterreichs daher dazu auf, nicht nur von den Kürzungen abzusehen, sondern die Arbeit von maiz, FIFTITU% und Arge SIE langfristig abzusichern!

Mit freundlichen Grüßen
im Namen des gesamten Vorstands der ÖGGF,

Univ.-Doz.in Dr.in Maria Mesner (Obfrau)
Univ.-Prof.in Dr.in Alice Pechriggl (Stellvertretende Obfrau)
Dr.in Dagmar Fink (Vorstandsmitglied)